Das Theaterkollektiv Pièrre.Vers 

ist ein Zusammenschluss von Theatermacher*innen unter der künstlerischen Leitung des Regisseurs Christof Seeger-Zurmühlen und der Schauspielerin Julia Dillmann mit Sitz in Düsseldorf.

Seit 2012 entwickelt das Kollektiv performative, immersive Formate im öffentlichen und halböffentlichen Raum, in denen global gesellschaftlich-relevante Themen am Beispiel des Mikrokosmos STADT unter Einbindung der in Düsseldorf lebenden und agierenden Menschen untersucht werden.

Aktuell befasst sich das Kollektiv im mehrphasigen Kunst- Forschungs- und Vermittlungsprojekt ‚Historification’ mit dem zunehmenden Nationalismus in Politik und Gesellschaft und erhält hierfür die dreijährige Konzeptionsförderung des Landes NRW (2020-2022).

Historification – Gegenwart im Spiegel der Geschichte 

Heute zeigt sich europaweit: Wo die Geschichtsaufarbeitung kaum stattgefunden hat, feiern dieRechtspopulisten ihre größten Erfolge. Positive identitätsstiftende Erinnerungsarbeit, die den Aufbau und die Entstehung der Demokratie in Deutschland und Europa untersuchen will, ist die Grundlage einer mehrteiligen Reihe von künstlerischen Produktionen und Interventionen des Theaterkollektivs Pièrre.Vers. Durch die Auseinandersetzung mit konkreten Ereignissen in Düsseldorf im Kontext des nationalsozialistischen Regimes sollen die geschichtlichen Zusammenhänge plastisch und nachvollziehbar dargestellt werden. Gleichzeitig geht es in den Projekten um aktuelle Bezüge, z.B. um die Frage nach dem Phänomen Rassismus heute und dessen Entwicklung. Durch einen Kunstgriff sollen Parallelwelten entstehen, die einerseits die Lebenswelten und Biografien der Menschen von Damals rekonstruieren und andererseits den Blick auf ein Stimmungsbild der Bürger*innen heute werfen – im Kontext schwankender Demokratien und persönlicher Sichtweisen auf aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen. Fragen an eine Gesellschaft von heute werden so zur Grundlage einer Sichtbarmachung der Vergangenheit. Die Projekte sind ein Plädoyer zur stetigen Erneuerung der Erinnerungsarbeit – ein Beitrag zur Geschichtsaufarbeitung, die der Ausbildung eines kritischen Geistes heute dienen kann, verbunden mit der Überzeugung, dass die Geschichten derer erzählt werden müssen, die Opfer nationalsozialistischen Terrors wurden. Denn die Idee der Demokratischen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland baut auf diesen Geschichten auf.

„Geschichte betrifft uns immer auch in unserer Gegenwart. Wir können die Gegenwart nicht decodieren, nicht verstehen, wenn wir uns nicht unserer eigenen Geschichte vergewissern. Das historische Erinnern wird immer durch die aktuelle Interpretation von Geschichte getragen und das sagt natürlich mehr über die Gegenwart aus als darüber, wie es wirklich gewesen ist. (…) Die Ereignisse der Vergangenheit prägen unsere Gegenwart mit.“ (Thomas Krüger – Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung – Tagesgespräch WDR5 „Warum ist Erinnerung wichtig?“)

Deutschland im Jahr 2020. Längst ist sichtbar, dass die Morde des NSU, der Mord an Walter Lübcke, die tödlichen Anschläge in Halle und jüngst in Hanau und die tausendfachen Übergriffe auf Flüchtlingsheime der vergangenen Jahre, sowie viele weitere rechtsextremistische und rechtsradikale Taten und Stimmungen in Deutschland nicht als Randerscheinungen oder Einzeltaten begriffen werden sollten, sondern als das, was sie tatsächlich sind: Menschenhass und damit ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Die „Leipziger Autoritarismus-Studie“, die vom Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung der Universität Leipzig in Kooperation mit der Heinrich-Böll- und der Otto Brenner Stiftung erstellt wurde, hat Anfang November 2018 folgende Ergebnisse vorgestellt: Rechtsextreme Einstellungen sind in Deutschland weiterhin auf hohem Niveau und steigen teilweise an. Sechs Prozent der Deutschen vertreten ein geschlossen rechtsextremes Weltbild, fast jeder dritte Deutsche stimmt „ausländerfeindlichen Aussagen“ zu. Auch antisemitische Denkmuster bewegen sich nach wie vor in gefährlichen Größenordnungen. Autoritäre Syndrome, wie die Flucht aus der Verantwortung, der Wunsch nach Teilhabe an Größe und Macht sowie Aggressionen gegenüber „Abweichung“ und Differenz sind weit verbreitet.

„Das es keine Stunde Null gab, keine wundersame Verwandlung eines fanatisierten Volkes in lupenreine Demokraten, keine wirkliche Entschädigung und ernsthafte Entschuldigung, keine Gerechtigkeit – daran sollte man sich immer wieder erinnern, wenn die Geschichte der Bundesrepublik bei festlichen Anlässen zur reinen Erfolgssaga überhöht wird.“ (Ulrich Rüdenauer, Journalist)